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                    WILDE

 

Der Wilde Mann als Überbegriff der Vegetationsgötter und Naturgeister rührt an den vorindoeuropäischen Wiedergeburtsglauben. Die personifizierte Vegetation erwacht mit den ersten Sonnenstrahlen des Neuen Jahrs im Schoss der Grossen Muttergöttin. Die Göttin erwählt den Vegetationsheros in der Heiligen Hochzeit zu ihrem Jahreskönig und vereinigt sich inzestuös mit ihm. Oedipus kann davon ein Lied singen. Im jahreszeitlichen Wechsel stirbt er in ihr und überwintert in ihrem unterweltlichen Leib. Im magischen Denken sichert die kultische Inszenierung das Gleichgewicht von Mensch und Natur. Voltumna/Vertumus hiess der etruskisch-römische Gott, dessen Haupt eine Apfelbaumkrone zierte. Symbolisch befruchtet werden die jungen Frauen und Mädchen, indem die Jungen Wilden sie mit Schweineblasen schlagen, mit Wasser bespritzen oder kurzerhand in den Dorfbrunnen tauchen.

 

Der Vereinigungsmythos fand mit dem Tannhäuserlied Eingang in die Volksliteratur. Der exkommunizierte Minnesänger Tannhäuser verbringt seine Zeit mit den Wonnen der Liebeskünste im Vrenenberg, wo die Liebesgöttin Verena eine attraktive Alternative zum Fegefeuer anbietet. Als Fisch- Schlangen- Kröten- oder Drachenfrau kennt sie alle Hexentricks. “Si ist ob dem Gürtel Milch und Bluet und drunter wie Schlange und Chrotte.” (Aargauer Tannhäuserlied)

 

Der Wilde Mann tritt auch als  der grüne Mann, der Grüne oder der Grüne Georg auf. Ist die Drachentötung des hl. Georg oder des Erzengels Michael bloss ein katholischer Euphemismus für die sexuelle Vereinigung des Wilden Manns mit der Drachenfrau?

Wilder Mann als Fassadenfigur am Balser Rathaus

 

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